Klingelschild: Bald ohne Namen?

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Die Klage, die gerade eine Welle losgelöst hat, kommt aus Österreich. Dort hatte ein Mieter geklagt, weil er seinen Namen nicht länger am Klingelschild haben wollte. Argument: Verstoß gegen das neue Datenschutzgesetz. Die Folge: 200.000 Klingelschilder müssen ausgetauscht werden – allein in Wien. Kommt diese Welle auch zu uns? Harald Klatschinksy, Landesvorsitzender im Verband Wohneigentum Baden-Württemberg, gibt Entwarnung: „Für Wohneigentümer hat diese Entscheidung wenig bis gar keine Aussagekraft.“

Dass die neue Datenschutzverordnung manches verändert hat, lässt sich bereits an vielen Orten erkennen. Wer heute in der Buchhandlung einen Roman oder einen Ratgeber bestellen möchte, kann das schon zu spüren bekommen. Denn bereits die Angabe des Namens basiert auf Freiwilligkeit. Da spielt es auch keine Rolle, dass sich das Buch ohne Namensangabe beim Abholen kaum finden lassen wird. Egal: Wer da den Namen angibt, soll den vollen Schutz genießen. Und wer nun vom Buchhändler seines Vertrauens auf den Schutz seiner Daten hingewiesen wird, mag sich wundern.

Kein Name an der Tür – für viele eine schreckliche Vorstellung

Datenschutz geht alle an

Im Wartezimmer eines Arztes ist das schon plausibler. Gerade in kleinen Dörfern sollen die Sitznachbarn nicht unbedingt mitgekommen, dass Frau Schulz kaum noch zu retten ist, dass aber Herr Schwarz beim Proktologen besser aufgehoben wäre mit seinen Beschwerden. Mit anderen Worten: Datenschutz betrifft tatsächlich alle. Gerade bei Anbietern, die mit sensiblen Daten hantieren, trägt der perfekte Schutz zur Sicherheit bei. Beispiel Verband Wohneigentum Baden-Württemberg: Im Landesverband hat man sich ausführlich mit der neuen DSVGO beschäftigt. Die Mitglieder in den örtlichen Vereinen wissen, dass sie sich auf ihren Verband verlassen können – auch bei diesem Thema. Wer beispielsweise als Neumitglied eine kostenlose Erst-Rechtsberatung in Anspruch nimmt, weiß: Mit allen Daten wird sehr behutsam umgegangen.

Harald Klatschinsky

„Niemand kann verlangen, dass wir unsere Namen von Klingelschildern und Haustüren entfernen!“
Harald Klatschinsky

Bei der Hausklingel klingt das zunächst komisch: Wer soll einen denn finden, wenn nicht einmal der Name an Klingel oder Briefkasten steht? Roland Schimanek, Landesgeschäftsführer im Verband Wohneigentum Baden-Württemberg: „In größeren Wohnkomplexen beispielsweise in Spanien oder Frankreich ist es gar nicht üblich, dass die Klingeln mit Namensschildern versehen sind.“ Postboten genügt die Wohnungsnummer, Freunde und Verwandte wissen die Nummer – alles also kein Problem. „Wohneigentümer in Deutschland setzen da in aller Regel aber andere Prioritäten,“ so Schimanek weiter, „gerade Mitglieder im Verband Wohneigentum versuchen eher, der grassierenden Anonymität entgegenzuwirken.“

Name und Adresse: schützenswerte Kombination

Der Mann in Wien sah nun also seine Persönlichkeitsrechte nicht ausreichend geschützt, wenn sein Name an der Klingel steht. Und tatsächlich – was auf den ersten Blick wie eine irrsinnige Kapriole klingt, entpuppt sich beim Hinsehen als nachvollziehbar: Die Kombination aus Namen und Adresse ist ein schützenswertes Gut.

„Wer ist da?“ – Datenschutz geht vor

„Niemand kann verlangen, dass wir unsere Namen von Klingelschildern und Haustüren entfernen“, sagt Harald Klatschinsky. Der Landesvorsitzende vom Verband Wohneigentum Baden-Württemberg betont aber, dass auch der Umkehrschluss gilt: „Aber es kann auch niemand gezwungen werden, den Namen an die Klingel zu schreiben.“ Was hier auf Dauer gilt, weiß momentan allerdings noch niemand. Harald Klatschinsky: „Unsere Rechtsberater sind sich sicher, dass auch langfristig Namen auf den Schildern stehen dürfen.“

Datenschutz heißt nicht Anonymisierung

Gerade in den kleinen Gemeinden, wo die Menschen sich kennen, kann Datenschutz besonders wichtig sein. Im Idealfall findet sich in den Dörfern sowieso eine gesunde Mischung aus Respekt und Nachbarschaftshilfe: Distanz dort, wo sie nötig ist – und Anteilnahme, wo sie gefragt ist. „Unsere Mitglieder kennen die Balance zwischen Datenschutz und aktiver Teilhabe meistens sehr genau“, sagt wiederum Roland Schimanek. Vor allem im ländlichen Raum dürfte also niemand von sich aus auf die Idee kommen, Namen von Klingelschildern oder Briefkästen zu entfernen.

Etwas anders sieht es aus bei selbstnutzenden Wohneigentümern, die beispielsweise eine Einliegerwohnung vermieten. Wer Wohnraum vermietet, hat viele Vorteile, wie der Verband Wohneigentum in einer eigenen Reihe zum Thema beschreibt. Aber eben auch Pflichten: „Bei der momentanen Rechtslage sollten Vermieter in jedem Fall dem Wunsch des Mieters entsprechen,“ empfiehlt Landesgeschäftsführer Roland Schimanek, „falls der Name vom Klingelschild entfernt werden soll.“ Die Kosten dafür trägt übrigens der Vermieter.

Aktion gegen soziale Isolation

Also: Datenschutz ist selbstverständlich wichtig. Im täglichen Umgang miteinander aber spielt er eine untergeordnete Rolle. Denn klar ist, dass er nicht das Risiko sozialer Isolation fördern darf. Und gerade diese Isolation wird in umserem Lande zu einem immer größeren Problem.

Bald nur noch anonym wohnen?

Kein Wunder also, dass die Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren (BAGSO) gerade eine Aktion gegen Alterseinsamkeit startete. „Teilhabe ist ein entscheidender Schlüssel, um sozialer Isolation entgegenzuwirken“, sagte der BAGSO-Vorsitzende Franz Müntefering folgerichtig zum Start der Aktion. Und die Furcht vor Verstößen gegen den Datenschutz sollte nie über dem Engagement und der Teilhabe stehen.

In Wien werden nun also massenweise Namen von Klingeln entfernt. Allerdings: Die meisten Bewohner dort störten sich überhaupt nicht daran, dass ihr Name und die Wohnungsnummer für jedermann sichtbar waren. Im Gegenteil: Für Besucher ist es viel leichter, wenn die Menschen leichter zu finden sind. Und so werden nun viele tausend Menschen ihre Namen wieder an der Klingel anbringen.

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